„Diese Stadt, die plötzlich aus dem Nichts entsteht, ist eine besondere Stadt. Nicht die der
Wirklichkeit. Es ist die Stadt eines ganz bestimmten Menschen.”
Mit einer opulenten Lobby, Liftboys, Concierges und Köchen präsentiert sich das Hilton Addis Abeba als großes Hotel wie jedes andere. Eröffnet wurde es in den 1960er-Jahren von Äthiopiens umstrittenem Kaiser Haile Selassie, der von manchen als modernisierender, antikolonialer Held und als Messias im Rastafari-Glauben verehrt, von anderen jedoch dafür kritisiert wurde, während seiner 44-jährigen Herrschaft Armut ignoriert und Dissens unterdrückt zu haben.
Inspiriert von ihrer kindlichen Faszination für Kaiser Selassie wählt Ruth Beckermann das Hotel, in dem Hochzeiten, Seminare, Modeschauen und Konferenzen stattfinden, als Ausgangspunkt für ihre Erkundung der vielschichtigen Vergangenheit und Gegenwart des Landes. In ihrer Suche bleibt sie größtenteils auf dem Hotelgelände, bewegt sich zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Vertrautem und Fremdem. Archivmaterial, das Selassies internationale Reisen dokumentiert, verwebt sich hier mit ihren aktuellen Begegnungen im Hotel ebenso wie mit ihren Gedanken und Empfindungen als weiße Frau und Filmemacherin aus Europa. Auszüge aus Ryszard Kapuscinskis scharfsinnigem Buch über den Sturz des Kaisers fließen ein, stellenweise auf Amharisch gelesen von Hotelangestellten oder jungen Erwachsenen.
Während die Suche nach historischer Wahrheit voranschreitet, tritt das Hotel als Bühne hervor — ein Ort, an dem Äthiopiens Geschichte und ihre oft vernachlässigten Kapitel verhandelt werden, etwa der von Italiens kolonialen Ambitionen aufgezwungene Faschismus. Draußen hingegen steht der Glanz des Hotels im Kontrast zum ungeschönten Alltag der Stadt: Meterlange Schlangen an Bushaltestellen, die Skelette unvollendeter Hochhäuser, die auf ihre Entwicklung warten. Und Licht, Licht, Licht als Vorboten einer versprochenen Zukunft.
Regie: Ruth Beckermann / Drehbuch: Ruth Beckermann / Kamera: Johannes Hammel / Schnitt: Dieter Pichler / Ton: Andreas Hamza / Produktion: Ruth Beckermann Filmproduktion, Citrullo International & Rai Cinema / Produzenten: Ruth Beckermann, Carlo S. Hintermann, Gerardo Panichi
Österreich, Italien 2026 / 97 Minuten